Straf­an­trags­recht des Betreu­ers

Der Betreu­er eines voll­jäh­ri­gen Straf­an­trags­be­rech­tig­ten kann einen wirk­sa­men Straf­an­trag für den Betreu­ten stel­len, wenn das Betreu­ungs­ge­richt sei­nen Auf­ga­ben­kreis aus­drück­lich auf die Stel­lung von Straf­an­trä­gen erwei­tert hat. Weder der all­ge­mei­ne Auf­ga­ben­kreis der Ver­mö­gens­sor­ge noch der der Ver­tre­tung gegen­über Behör­den ent­hal­ten die­ses höchst­per­sön­li­che Recht. Ein nach § 77 Abs. 3 StGB grund­sätz­lich straf­an­trags­be­rech­tig­ter Betreu­er ist von die­sem Recht aus­ge­schlos­sen, wenn er selbst der Betei­li­gung an der Tat ver­däch­tig ist. Dies gilt auch für die Stel­lung von Straf­an­trä­gen gegen Mit­be­tei­lig­te.

Straf­an­trags­recht des Betreu­ers

Die Ent­schei­dung zur Stel­lung eines Straf­an­trags gemäß § 247 StGB, auf den auch § 263 a Abs. 2 StGB ver­weist, berührt aller­dings vor­ran­gig fami­li­en­recht­li­che und nicht ver­mö­gens­recht­li­che Inter­es­sen. Mit die­ser Bestim­mung hat der Gesetz­ge­ber dem Inter­es­se von Ange­hö­ri­gen auf Wah­rung des Fami­li­en­frie­dens Vor­rang vor dem unbe­ding­ten Straf­ver­fol­gungs­recht des Staa­tes ein­ge­räumt. Als höchst­per­sön­li­ches Recht betrifft es daher die Ange­le­gen­heit der Per­so­nen­für­sor­ge und nicht der Ver­mö­gens­sor­ge [1]. Dar­aus folgt, dass der Auf­ga­ben­kreis der Ver­mö­gens­sor­ge, für den der Betreu­er S. am 12.02.2008 bestellt wur­de, ihn nicht zur Straf­an­trags­stel­lung gegen Ange­hö­ri­ge des Betreu­ten berech­tigt [2]. Soweit in der zivil­recht­li­chen Kom­men­tar­li­te­ra­tur eine ande­re Auf­fas­sung ver­tre­ten wird und dabei eine Ent­schei­dung des Land­ge­richts Ravens­burg aus dem Jahr 2000 zitiert wird [3], so betrifft die genann­te Ent­schei­dung eine ande­re Kon­stel­la­ti­on. In dem vom Land­ge­richt Ravens­burg ent­schie­de­nen Fall war der Betreu­er näm­lich nicht nur für den Auf­ga­ben­kreis der Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­hei­ten bestellt, son­dern auch Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ter [4].

Auch der gleich­zei­tig über­tra­ge­ne Auf­ga­ben­kreis „Ver­tre­tung gegen­über Kör­per­schaf­ten, Behör­den und Rechts­an­wäl­ten“ berech­tig­te den Betreu­er nicht zur Straf­an­trags­stel­lung.

Die Auf­ga­be, den Betreu­ten gegen­über Behör­den zu ver­tre­ten, erschöpft sich inhalt­lich in der Wie­der­ho­lung der bereits in § 1902 BGB gere­gel­ten Befug­nis zur außer­ge­richt­li­chen Ver­tre­tung des Betreu­ten. Die Vor­schrift räumt dem Betreu­er gene­rell die Rechts­macht ein, den Betrof­fe­nen außer­ge­richt­lich zu ver­tre­ten, und zwar sowohl in Pri­vat­an­ge­le­gen­hei­ten als auch gegen­über öffent­li­chen Behör­den [5]. Ent­spre­chend sagt die­se Auf­ga­ben­be­zeich­nung nichts dar­über aus, in wel­chen mate­ri­ell recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten die Ver­tre­tungs­be­fug­nis gel­ten soll. Im Betreu­ungs­recht gilt das soge­nann­te Erfor­der­lich­keits­prin­zip. Das bedeu­tet, dass die Betreu­ung im Sin­ne des Betreu­ten inhalt­lich auf genaue Auf­ga­ben­krei­se zu beschrän­ken ist, in denen eine Betreu­ung erfor­der­lich ist. Dadurch soll dem Betreu­ten mög­lichst viel Auto­no­mie erhal­ten blei­ben und sei­nen Wün­schen Rech­nung getra­gen wer­den [6]. Daher ent­spricht auch die all­ge­mei­ne Anord­nung der Ver­tre­tungs­be­fug­nis gegen­über Behör­den nicht dem Erfor­der­lich­keits­grund­satz, weil sie zu weit gefasst und damit zu unbe­stimmt ist [7]. Des­halb hat das Betreu­ungs­ge­richt regel­mä­ßig bei der Bestim­mung des Auf­ga­ben­krei­ses einen Bezug zu kon­kret bezeich­ne­ten Ver­wal­tungs oder Gerichts­ver­fah­ren her­zu­stel­len [8]. Im Übri­gen ist die all­ge­mei­ne Ver­tre­tungs­be­fug­nis gegen­über Behör­den auf sons­ti­ge Geschäf­te des täg­li­chen Lebens, wie z. B. die Pass­be­schaf­fung oder die Bean­tra­gung von Sozi­al­hil­fe, beschränkt.

Aus die­sem Grund­satz folgt, dass der Auf­ga­ben­kreis des Betreu­ers zur Ver­tre­tung des Betreu­ten auf bestimm­te Ver­fah­rens­ar­ten ein­zu­gren­zen ist, bei denen eine ent­spre­chen­de Erfor­der­lich­keit der Ver­tre­tung besteht. Daher haben meh­re­re Ober­lan­des­ge­rich­te den Fall, dass ein Betreu­er für sei­nen Betreu­ten als Straf­ver­tei­di­ger tätig wird, nicht mehr von dem all­ge­mei­nen Auf­ga­ben­kreis der Ver­tre­tung gegen­über Behör­den als gedeckt ange­se­hen [9].

Nichts Ande­res gilt für die Ver­tre­tung des Betreu­ten als Geschä­dig­ten einer Straf­tat im Straf­ver­fah­ren. Das höchst­per­sön­li­che Antrags­recht eines ver­letz­ten Ange­hö­ri­gen i. S. des § 247 StGB kann nur bei Erfor­der­lich­keit einer Ver­tre­tung auf einen Betreu­er über­tra­gen wer­den. Des­halb ist die Befug­nis, den Straf­an­trag bei einer Straf­tat zu stel­len, dem Betreu­er geson­dert im Wege der Auf­ga­ben­kreis­er­wei­te­rung zu über­tra­gen [10]. Die all­ge­mei­ne Ver­tre­tungs­be­fug­nis gegen­über Behör­den umfasst jeden­falls nicht die Berech­ti­gung des Betreu­ers, Straf­an­trag gegen einen Ange­hö­ri­gen des Betreu­ten zu stel­len [11].

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 21. Febru­ar 2012 – 32 Ss 8/​12

  1. so bereits OLG Hamm, NJW 1960, 834, 835[]
  2. so auch LG Ham­burg, NStZ 2002, 39, Rdnr. 18. OLG Köln, wis­tra 2005, 392 Rdnr. 11[]
  3. vgl. Münch­Komm-BGB Schwab, 6. Aufl., § 1896 Rdnr. 100[]
  4. vgl. LG Ravens­burg, FamRZ 2001, 937[]
  5. vgl. Staudinger/​Bienwald, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2006, § 1896 Rdnr. 76; Bien­wald BtPrax 2003, 71[]
  6. Palandt/​Diederichsen, BGB, 71. Aufl., Ein­füh­rung vor § 1896, Rdnr. 2[]
  7. vgl. Staudinger/​Bienwald a. a. O.[]
  8. vgl. KG, Beck­RS 2008, 00234; Jür­gens, Betreu­ungs­recht, 4. Aufl., § 1896 BGB Rn. 26[]
  9. vgl. OLG Schles­wig, NJW-RR 2008, 91; OLG Frank­furt, NJW-RR 2005, 1166; OLG Hamm, NJW 2006, 1144[]
  10. vgl. Bienwald/​Sonnenfeld/​Hoffmann, Betreu­ungs­recht, 5. Aufl., § 1896 BGB, S. 138[]
  11. vgl. OLG Köln, a. a. O.[]