Der Tod des Betreu­ten – und der Betreu­er merkt’s nicht

Der Betreu­er, der in Unkennt­nis des Todes des Betrof­fe­nen zunächst wei­ter tätig wur­de, ist inso­weit allen­falls in ana­lo­ger Anwen­dung von § 6 Satz 1 VBVG und nicht pau­schal nach den §§ 4, 5 VBVG zu ent­schä­di­gen.

Der Tod des Betreu­ten – und der Betreu­er merkt’s nicht

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te das Amts­ge­richt Frei­burg auf Antrag des Betreu­ers die Betreu­er­ver­gü­tung für den Zeit­raum vom 08.11.2012 bis 17.12 2012 gegen die Staats­kas­se fest­ge­setzt [1]. Den wei­ter­ge­hen­den Antrag bezüg­lich des Zeit­raums vom 18. bis 27.12 2012 hat es mit der Begrün­dung abge­lehnt, der Betrof­fe­ne sei zwi­schen dem 10. und dem 17.12 2012 ver­stor­ben; die Ver­gü­tung sei bei Been­di­gung der Betreu­ung durch den Tod des Betrof­fe­nen nur bis zum Todes­tag, der zuguns­ten des Betreu­ers mit dem letzt­mög­li­chen Ster­be­tag ange­nom­men wer­de, zu berech­nen. Das Land­ge­richt Frei­burg hat die hier­ge­gen gerich­te­te, zuge­las­se­ne Beschwer­de des Betreu­ers zurück­ge­wie­sen [2]. Der Bun­des­ge­richts­hof bestä­tig­te die­se Frei­bur­ger Ent­schei­dun­gen und wies auch die Rechts­be­schwer­de des Betreu­ers zurück:

Das Land­ge­richt hat dem Betreu­er zu Recht und mit zutref­fen­der Begrün­dung eine wei­ter­ge­hen­de Ver­gü­tung ver­sagt. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de kommt es für den nach dem Gesetz über die Ver­gü­tung von Vor­mün­dern und Betreu­ern (VBVG) fest­zu­set­zen­den Ver­gü­tungs­an­spruch nicht dar­auf an, dass der Betreu­er von dem Tod des Betrof­fe­nen erst am 27.12 2012 Kennt­nis erlangt hat.

Nach den §§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 Abs. 1 Satz 2 und 3 BGB iVm §§ 1 Abs. 2 Satz 2, 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2, 5 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 VBVG kann der Betreu­er nur eine Ver­gü­tung in der zuer­kann­ten Höhe ver­lan­gen, weil ein ent­spre­chen­der Anspruch allein für die Dau­er der Betreu­ung besteht. Nach § 1908 d BGB endet die Betreu­ung grund­sätz­lich durch aus­drück­li­che gericht­li­che Ent­schei­dung. Eine sol­che ist aller­dings dann nicht erfor­der­lich, wenn das Ende der Betreu­ung durch den Tod des Betreu­ten oder den Ablauf der vom Gesetz oder vom Gericht fest­ge­setz­ten Frist (§ 302 FamFG) bereits fest­steht [3].

Dass der Todes­zeit­punkt des Betrof­fe­nen zugleich den End­zeit­punkt für die nach den §§ 4, 5 VBVG pau­schal zu bemes­sen­de Ver­gü­tung dar­stel­len soll, lässt sich auch den Geset­zes­ma­te­ria­li­en zum Betreu­ungs­rechts­än­de­rungs­ge­setz ent­neh­men. Danach ist die Ver­gü­tung für den letz­ten Monat der Betreu­ung tag­ge­nau bis zum Tod des Betrof­fe­nen fest­zu­set­zen [4]. Dem­ge­gen­über wird zwar ver­tre­ten, auch für den Zeit­raum vom Tod des Betrof­fe­nen bis zur Kennt­nis des Betreu­ers hier­von sei eine Ver­gü­tung nach den Pau­schal­sät­zen des Vor­mün­der- und Betreu­er­ver­gü­tungs­ge­set­zes fest­zu­set­zen. Denn der Betreu­er dür­fe die Betreu­ung nach den §§ 1908 i, 1893, 1698 a BGB bis zur Kennt­nis von der Been­di­gung fort­füh­ren. Inso­fern sei im Gegen­satz zu der Not­ge­schäfts­füh­rung nach § 1698 b BGB davon aus­zu­ge­hen, dass nicht nur ein­zel­ne Ange­le­gen­hei­ten erle­digt wor­den sei­en, son­dern die nor­ma­le Betreu­er­tä­tig­keit fort­ge­führt wor­den sei [5].

Die­ser Auf­fas­sung ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof jedoch nicht zu fol­gen. Sie steht nicht damit in Ein­klang, dass die Pau­schal­ver­gü­tung nur für die Dau­er der Betreu­ung anzu­set­zen ist und dies nach den Geset­zes­ma­te­ria­li­en auch für den Fall der Been­di­gung der Betreu­ung durch den Tod des Betrof­fe­nen gilt. Davon ist auch der offen­sicht­li­che Gesichts­punkt erfasst, dass der Betreu­er häu­fig nicht sogleich vom Tod des Betrof­fe­nen erfah­ren hat und des­halb in Unkennt­nis hier­von wei­ter tätig gewor­den ist. Inso­fern dürf­te die zutref­fen­de Erwä­gung zum Tra­gen gekom­men sein, dass der Auf­wand für eine in Unkennt­nis des Todes des Betrof­fe­nen aus­ge­üb­te Betreu­ungs­tä­tig­keit regel­mä­ßig hin­ter dem durch­schnitt­li­chen Betreu­ungs­auf­wand zurück­bleibt. Denn anders als zu Leb­zei­ten des Betrof­fe­nen kön­nen sich kei­ne Ver­än­de­run­gen in des­sen Lebens­ver­hält­nis­sen mehr erge­ben, die ein Tätig­wer­den des Betreu­ers erfor­dern. Der Betreu­er, der in Unkennt­nis des Todes des Betrof­fe­nen zunächst wei­ter tätig wur­de, ist des­halb inso­weit allen­falls in ana­lo­ger Anwen­dung von § 6 Satz 1 VBVG und nicht pau­schal nach den §§ 4, 5 VBVG zu ent­schä­di­gen [6].

Über blo­ße Abwick­lungs­tä­tig­kei­ten, die mit der Pau­schal­ver­gü­tung abge­gol­ten wer­den [7], hin­aus­ge­hen­de Tätig­kei­ten des Betreu­ers sind aber nicht vor­ge­tra­gen wor­den.

Soweit der Betreu­er ein­wen­det, es sei im Hin­blick auf Art. 12 GG nicht zu recht­fer­ti­gen, dass zwi­schen dem Tod des Betrof­fe­nen und der Kennt­nis­er­lan­gung des Betreu­ers hier­von erbrach­te Betreu­er­leis­tun­gen unver­gü­tet blie­ben, führt dies nicht zu einer ande­ren Beur­tei­lung. Blo­ße Abwick­lungs­tä­tig­kei­ten sind regel­mä­ßig bereits durch die bis zum Tod des Betrof­fe­nen geschul­de­te Pau­schal­ver­gü­tung abge­gol­ten. In beson­de­ren Ein­zel­fäl­len kann der Betreu­er, der in der Annah­me der Fort­dau­er der Betreu­ung nach dem Tod des Betrof­fe­nen noch wei­ter­ge­hend tätig wird, in ana­lo­ger Anwen­dung von § 6 Satz 1 VBVG eine Ent­schä­di­gung erhal­ten. Da es in der Regel nicht lan­ge dau­ern wird, bis der Betreu­er vom Tod des Betrof­fe­nen erfährt, ist es ihm mög­lich und zumut­bar, hin­sicht­lich danach aus­ge­führ­ter Tätig­kei­ten und der hier­zu benö­tig­ten Zeit einen Nach­weis zu erbrin­gen. Das gilt unge­ach­tet des Umstands, dass er zunächst kei­nen Anlass hat­te, Auf­zeich­nun­gen über die auf­ge­wen­de­te Zeit anzu­fer­ti­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. April 2016 – XII ZB 83/​14

  1. AG Frei­burg, Beschluss vom 20.03.2013 – 132 XVII 133/​12[]
  2. LG Frei­burg, Beschluss vom 22.01.2014 – 4 T 71/​13[]
  3. BGH, Beschluss vom 14.12 2011 XII ZB 489/​10 FamRZ 2012, 295 Rn. 11[]
  4. BT-Drs. 15/​2494 S. 34[]
  5. LG Traun­stein FamRZ 2010, 329; juris PK-BGB/­Pamm­ler-Klein § 1893 Rn. 16[]
  6. vgl. Münch­Komm-BGB/­Frösch­le 6. Aufl. § 5 VBVG Rn. 38[]
  7. OLG Mün­chen FamRZ 2006, 1787; OLG Köln FG-Prax 2006, 163; OLG Dres­den FamRZ 2006, 1483; Münch­Komm-BGB/­Frösch­le 6. Aufl. § 5 VBVG Rn. 37[]