Betreu­er­ver­gü­tung für einen Heilerziehungspfleger

Beson­de­re und für die Betreu­ung nutz­ba­re Kennt­nis­se sind auch sol­che Fach­kennt­nis­se, die den Umgang mit und das Ver­ständ­nis für die beson­de­re Situa­ti­on von psy­chisch Kran­ken und Behin­der­ten för­dern, wie sie etwa durch die Aus­bil­dung zum staat­lich aner­kann­ten Hei­ler­zie­hungs­pfle­ger ver­mit­telt wer­den [1] .

Betreu­er­ver­gü­tung für einen Heilerziehungspfleger

Ob ein Berufs­be­treu­er im Ein­zel­fall die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, die gemäß § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 VBVG in der hier maß­geb­li­chen bis zum 26.07.2019 gel­ten­den Fas­sung (§ 12 VBVG) die Bewil­li­gung einer erhöh­ten Ver­gü­tung recht­fer­ti­gen, unter­liegt einer wer­ten­den Betrach­tung des Tatrich­ters. Des­sen Wür­di­gung kann im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren nur ein­ge­schränkt dar­auf über­prüft wer­den, ob er die maß­geb­li­chen Tat­sa­chen voll­stän­dig und feh­ler­frei fest­ge­stellt und gewür­digt, Rechts­be­grif­fe ver­kannt oder Erfah­rungs­ge­set­ze ver­letzt und die all­ge­mei­nen Maß­stä­be berück­sich­tigt und rich­tig ange­wandt hat [2] .

Gemäß § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 VBVG a.F. beträgt der Stun­den­satz eines Berufs­be­treu­ers 33, 50 €, wenn der Betreu­er über beson­de­re Kennt­nis­se ver­fügt, die für die Füh­rung der Betreu­ung nutz­bar sind, und die­se Kennt­nis­se durch eine abge­schlos­se­ne Leh­re oder eine ver­gleich­ba­re abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung erwor­ben sind. Dies ist hier der Fall:

Beson­de­re und für die Betreu­ung nutz­ba­re Kennt­nis­se im Sin­ne des § 4 Abs. 1 Satz 2 VBVG a.F. sind sol­che, die über das jeder­mann zu Gebo­te ste­hen­de Wis­sen hin­aus­ge­hen und den Betreu­er in die Lage ver­set­zen, sei­ne Auf­ga­ben zum Woh­le des Betreu­ten bes­ser und effek­ti­ver zu erfül­len [3] .

Sol­che Kennt­nis­se sind im Hin­blick dar­auf, dass es sich bei der Betreu­ung um eine recht­li­che Betreu­ung han­delt, regel­mä­ßig Rechts­kennt­nis­se. Dar­über hin­aus sind ange­sichts der Pflich­ten des Betreu­ers, auf den Wil­len des Betreu­ten ein­zu­ge­hen, um sei­ne Wün­sche zu erken­nen und ihnen weit­ge­hend zu ent­spre­chen (§ 1901 Abs. 2, Abs. 3 BGB), auch Fach­kennt­nis­se, die den Umgang mit und das Ver­ständ­nis für die beson­de­re Situa­ti­on von psy­chisch Kran­ken und Behin­der­ten för­dern, als für die Betreu­ung nutz­bar anzu­se­hen [4] . Eben­so sind Fach­kennt­nis­se, die die Betreu­ung für einen Auf­ga­ben­be­reich erleich­tern, wie medi­zi­ni­sche Kennt­nis­se für den Auf­ga­ben­be­reich der Gesund­heits­sor­ge und wirt­schaft­li­che Kennt­nis­se im Bereich der Ver­mö­gens­sor­ge, für die Betreu­ung nutz­bar [5] .

Dabei ist nicht not­wen­dig, dass die­se Fach­kennt­nis­se für die Füh­rung der Betreu­ung erfor­der­lich sind; und vom Betreu­er kon­kret genutzt wer­den; viel­mehr ist die poten­ti­el­le Nütz­lich­keit der Fach­kennt­nis­se aus­rei­chend [6] .

Nach § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 VBVG a.F. recht­fer­ti­gen beson­de­re betreu­ungs­re­le­van­te Kennt­nis­se eines Betreu­ers einen höhe­ren Stun­den­satz jedoch nur, wenn sie durch eine abge­schlos­se­ne Leh­re oder ver­gleich­ba­re Aus­bil­dung erwor­ben wur­den. Davon ist aus­zu­ge­hen, wenn ein erheb­li­cher Teil der Aus­bil­dung auf die Ver­mitt­lung sol­chen Wis­sens gerich­tet ist und dadurch das erwor­be­ne betreu­ungs­re­le­van­te Wis­sen über ein Grund­wis­sen deut­lich hin­aus­geht. Erfor­der­lich ist daher, dass die Aus­bil­dung in ihrem Kern­be­reich hier­auf aus­ge­rich­tet ist. Wis­sen, das durch Lebens­er­fah­run­gen, Fort­bil­dun­gen oder Berufs­pra­xis erwor­ben wur­de, führt eben­so wenig zu einer erhöh­ten Ver­gü­tung nach § 4 Abs. 1 Satz 2 VBVG a.F. wie betreu­ungs­re­le­van­te Kennt­nis­se, die gleich­sam nur am Ran­de der Aus­bil­dung ver­mit­telt wur­den [7] .

Hier­von aus­ge­hend hat im hier ent­schie­de­nen Fall das Land­ge­richt Arns­berg zu Unrecht die dem Betreu­er durch die Aus­bil­dung zum Hei­ler­zie­hungs­pfle­ger ver­mit­tel­ten Kennt­nis­se als nicht betreu­ungs­re­le­vant bewer­tet [8] :

Zwar ist das Land­ge­richt Arns­berg im Ansatz zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass durch die Aus­bil­dung zum staat­lich aner­kann­ten Hei­ler­zie­hungs­pfle­ger beson­de­re und für die Betreu­ung nutz­ba­re Kennt­nis­se im Sin­ne des § 4 Abs. 1 Satz 2 VBVG a.F. ver­mit­telt wer­den, die über das jeder­mann zu Gebo­te ste­hen­de Wis­sen hin­aus­ge­hen und den Betreu­er in die Lage ver­set­zen, sei­ne Auf­ga­ben zum Wohl des Betreu­ten bes­ser und effek­ti­ver zu erfüllen.

Zu Unrecht hat das Land­ge­richt indes­sen ange­nom­men, dass die­se Fach­kennt­nis­se einen erhöh­ten Stun­den­satz des Berufs­be­treu­ers nach § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 VBVG a.F. nur in den Fäl­len recht­fer­ti­gen könn­ten, in denen auch die Gesund­heits­sor­ge zum Auf­ga­ben­kreis des Betreu­ers gehö­re. Dies nimmt nicht aus­rei­chend in den Blick, dass die Aus­bil­dung zum Hei­ler­zie­hungs­pfle­ger nach den in Bezug genom­me­nen Fest­stel­lun­gen des Amts­ge­richts ein umfang­rei­ches Wis­sen spe­zi­ell über Behin­de­rung, Pfle­ge, Erzie­hung, För­de­rung und Beglei­tung sol­cher Per­so­nen­grup­pen ver­mit­telt, die von Behin­de­rung bedroht oder (mehr­fach) behin­dert sind. Danach han­delt es sich um Fach­kennt­nis­se, die den Umgang mit und das Ver­ständ­nis für die beson­de­re Situa­ti­on von psy­chisch Kran­ken und Behin­der­ten för­dern und mit­hin als für die Betreu­ung nutz­bar anzu­se­hen sind.

Die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung konn­te danach kei­nen Bestand haben. Da unter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs wei­te­re Fest­stel­lun­gen nicht erfor­der­lich sind, konn­te der Bun­des­ge­richts­hof in der Sache selbst ent­schei­den – und gestand dem Hei­ler­zie­hungs­pfle­ger als Berufs­be­treu­er den Stun­den­satz von 33, 50 € zu.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Okto­ber 2020 – XII ZB 143/​19

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 22.08.2012 – XII ZB 319/​11 NJW-RR 2012, 1475[ ]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 29.01.2020 – XII ZB 530/​19 , FamRZ 2020, 787 Rn. 13 mwN[ ]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 29.01.2020 – XII ZB 530/​19 , FamRZ 2020, 787 Rn. 10 mwN; vgl. auch BT-Drs. 13/​7158 S. 14 f.[ ]
  4. BGH, Beschluss vom 22.08.2012 – XII ZB 319/​11 , NJW-RR 2012, 1475 Rn. 17 mwN[ ]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 22.08.2012 – XII ZB 319/​11 , NJW-RR 2012, 1475 Rn. 17 mwN[ ]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 18.01.2012 – XII ZB 461/​10 10 mwN[ ]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 29.01.2020 – XII ZB 530/​19 , FamRZ 2020, 787 Rn. 11 mwN[ ]
  8. LG Arns­berg, Beschluss vom 06.03.2019 – I‑5 T 10/​19[ ]