Umsatzsteuerfreiheit des Berufsbetreuers

Die Leis­tun­gen eines Berufs­be­treuers fall­en nicht in den Anwen­dungs­bere­ich der in § 4 Nr. 18 Satz 1 UStG vorge­se­henen Umsatzs­teuer­be­freiung. Allerd­ings kann sich ein Berufs­be­treuer auf die in Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richtlin­ie 77/388/EWG bzw. ab 2007 in Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL vorge­se­hene Umsatzs­teuer­be­freiung berufen.

Umsatzsteuerfreiheit des Berufsbetreuers

Diese Umsatzs­teuer­frei­heit gilt allerd­ings nicht für Vergü­tun­gen im Sinne von § 1908i i.V.m. § 1835 Abs. 3 BGB, die der Berufs­be­treuer erhal­ten hat. Hier­nach gel­ten als Aufwen­dun­gen auch solche Dien­ste, die zum Gewerbe oder zum Beruf des Betreuers gehören. Leis­tun­gen, die nach diesen Vorschriften vergütet wer­den, sind nicht nach dem Union­srecht steuer­frei, son­dern nur solche, deren Schw­er­punkt in der Betreu­ung der kranken oder behin­derten Per­son liegt1.

Nach § 4 Nr. 18 Satz 1 UStG sind von den unter § 1 Abs. 1 Nr. 1 UStG fal­l­en­den Umsätzen steuer­frei:

  1. 18. die Leis­tun­gen der amtlich anerkan­nten Ver­bände der freien Wohlfahrt­spflege und der der freien Wohlfahrt­spflege dienen­den Kör­per­schaften, Per­so­n­en­vere­ini­gun­gen und Ver­mö­gens­massen, die einem Wohlfahrtsver­band als Mit­glied angeschlossen sind, wenn
    1. diese Unternehmer auss­chließlich und unmit­tel­bar gemein­nützi­gen, mildtäti­gen oder kirch­lichen Zweck­en dienen,
    2. die Leis­tun­gen unmit­tel­bar dem nach der Satzung, Stiftung oder son­sti­gen Ver­fas­sung begün­stigten Per­so­n­enkreis zugute kom­men und
    3. die Ent­gelte für die in Betra­cht kom­menden Leis­tun­gen hin­ter den durch­schnit­tlich für gle­ichar­tige Leis­tun­gen von Erwerb­sun­ternehmen ver­langten Ent­gel­ten zurück­bleiben.”

Die Betreu­ung nach den §§ 1896 ff. BGB dient dazu, Volljährige zu unter­stützen, die auf Grund ein­er psy­chis­chen Krankheit oder ein­er kör­per­lichen, geisti­gen oder seel­is­chen Behin­derung ihre Angele­gen­heit­en ganz oder teil­weise nicht besor­gen kön­nen (§ 1896 Abs. 1 Satz 1 BGB). Sie umfasst alle Tätigkeit­en, die erforder­lich sind, um die Angele­gen­heit­en des Betreuten rechtlich zu besor­gen (§ 1901 Abs. 1 BGB).

Die auf eigene Rech­nung und auf eigene Gefahr aus­geübte selb­ständi­ge Tätigkeit als Berufs­be­treuer ist in § 1897 Abs. 6 BGB von der Recht­sor­d­nung als zuläs­sige beru­fliche Betä­ti­gungs­form anerkan­nt; die Betä­ti­gung als Berufs­be­treuer set­zt gemäß § 1897 Abs. 1 BGB voraus, dass der Betreuer geeignet ist, in dem gerichtlich bes­timmten Auf­gabenkreis die Angele­gen­heit­en des Betreuten rechtlich zu besor­gen und diesen in dem hier­für erforder­lichen Umfang per­sön­lich zu betreuen2.

In dem hier entsch­iede­nen Fall erfüllte der Berufs­be­treuer nicht die in der Per­son des leis­ten­den Unternehmers erforder­lichen Voraus­set­zun­gen für eine Steuer­be­freiung nach § 4 Nr. 18 Satz 1 UStG.

Allerd­ings kön­nen die Leis­tun­gen des Klägers nach Union­srecht steuer­frei sein. Nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richtlin­ie 77/388/EWG bzw. nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL befreien die Mit­glied­staat­en u.a. “die eng mit der Sozialfür­sorge und der sozialen Sicher­heit ver­bun­de­nen Dien­stleis­tun­gen … durch Ein­rich­tun­gen des öffentlichen Rechts oder andere von dem betr­e­f­fend­en Mit­glied­staat als Ein­rich­tun­gen mit sozialem Charak­ter anerkan­nte Ein­rich­tun­gen”.

Diese Richtlin­ienbes­tim­mungen waren lediglich dadurch “umge­set­zt” wor­den, dass das UStG die bere­its bei Inkraft­treten der Richtlin­ie 77/388/EWG vorhan­de­nen, teil­weise bere­its im UStG 1951 enthal­te­nen Steuer­be­freiungstatbestände im Wesentlichen unverän­dert weit­erge­führt hat3.

Der Berufs­be­treuer kann sich in Erman­gelung frist­gemäß erlassen­er Umset­zungs­maß­nah­men auf Bes­tim­mungen ein­er Richtlin­ie, die inhaltlich als unbe­d­ingt und hin­re­ichend genau erscheinen, gegenüber allen nicht richtlin­ienkon­for­men inner­staatlichen Vorschriften berufen4.

Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richtlin­ie 77/388/EWG und Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL zählen die Tätigkeit­en, die steuer­frei sind, hin­re­ichend genau und unbe­d­ingt auf5.

Bei den Betreu­ungsleis­tun­gen i.S. der §§ 1896 ff. BGB han­delt es sich um eng mit der Sozialfür­sorge und der sozialen Sicher­heit ver­bun­dene Dien­stleis­tun­gen i.S. von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richtlin­ie 77/388/EWG sowie Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL, wie der Bun­des­fi­nanzhof bere­its entsch­ieden hat6.

Der Berufs­be­treuer ist im vor­liegen­den Fall auch eine als Ein­rich­tung mit sozialem Charak­ter anerkan­nte Ein­rich­tung i.S. von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. g der Richtlin­ie 77/388/EWG und Art. 132 Abs. 1 Buchst. g MwSt­Sys­tRL. Zur Ver­mei­dung von Wieder­hol­un­gen nimmt der Bun­des­fi­nanzhof insoweit auf das BFH, Urteil in BFHE 241, 475 BFH/NV 2013, 1521, Rz 22 ff. Bezug.

Es liegen auch keine son­sti­gen Gründe vor, die ein­er Beru­fung des Klägers auf das Union­srecht ent­ge­gen­ste­hen. Die Leis­tun­gen des Klägers sind keine solchen, die i.S. von Art. 13 Teil A Abs. 2 Buchst. b der Richtlin­ie 77/388/EWG bzw. Art. 134 MwSt­Sys­tRL als für die soziale Sicher­heit “nicht uner­lässlich” anzuse­hen sind oder die im Wesentlichen dazu bes­timmt sind, der Ein­rich­tung zusät­zliche Ein­nah­men durch Umsätze zu ver­schaf­fen, die in unmit­tel­barem Wet­tbe­werb mit Umsätzen von der Mehrw­ert­s­teuer unter­liegen­den gewerblichen Unternehmen bewirkt wer­den.

Bun­des­fi­nanzhof, Urteil vom 16. Okto­ber 2013 — XI R 19/11

  1. vgl. BFH, Urteil in BFHE 241, 475, BFH/NV 2013, 1521, Rz 38 []
  2. vgl. hierzu BVer­wG, Urteil vom 27.02.2013 — 8 C 8/12, NJW 2013, 2214 []
  3. vgl. BFH, Urteile in BFHE 211, 543, BSt­Bl II 2006, 143; in BFHE 224, 183, BFH/NV 2009, 869; vom 08.06.2011 — XI R 22/09, BFHE 234, 448, BFH/NV 2011, 1804 []
  4. ständi­ge Recht­sprechung des EuGH, vgl. z.B. EuGH, Urteil vom 10.09.2002 — C‑141/00 [Kügler], Slg. 2002, I‑6833, HFR 2002, 1146, UR 2002, 513, Rz 51 []
  5. vgl. EuGH, Urteil [Kügler] in Slg. 2002, I‑6833, HFR 2002, 1146, UR 2002, 513, Rz 53 []
  6. vgl. BFH, Urteile in BFHE 224, 183, BFH/NV 2009, 869; und vom 25.04.2013 — V R 7/11, BFHE 241, 475, BFH/NV 2013, 1521 []