Der Ver­gü­tungs­an­spruch des Betreuers

Der Ver­gü­tungs­an­spruch des Betreu­ers rich­tet sich gegen die Staats­kas­se, wenn der Betreu­te im Zeit­punkt der letz­ten Tat­sa­chen­ent­schei­dung mit­tel­los ist. Für den Umfang des dem Betreu­er gemäß § 5 VBVG zu ver­gü­ten­den Zeit­auf­wands ist dem­ge­gen­über dar­auf abzu­stel­len, ob der Betreu­te im Ver­gü­tungs­zeit­raum mit­tel­los war. 

Der Ver­gü­tungs­an­spruch des Betreuers

Gemäß § 5 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 VBVG ist der dem Betreu­er zu ver­gü­ten­de Zeit­auf­wand, wenn der Betreu­te sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt nicht in einem Heim hat, in den ers­ten drei Mona­ten der Betreu­ung für einen ver­mö­gen­den Betreu­ten mit acht­ein­halb Stun­den und gemäß § 5 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 VBVG für einen mit­tel­lo­sen Betreu­ten mit sie­ben Stun­den anzu­set­zen. Als mit­tel­los gilt ein Betreu­ter, der die Ver­gü­tung aus sei­nem ein­zu­set­zen­den Ein­kom­men oder Ver­mö­gen nicht oder nur zum Teil oder nur in Raten oder nur im Wege gericht­li­cher Gel­tend­ma­chung von Unter­halts­an­sprü­chen auf­brin­gen kann (§§ 1908 i Abs. 1, 1836 d BGB). Das ein­zu­set­zen­de Ver­mö­gen bestimmt sich gemäß § 1836 c Nr. 2 BGB nach § 90 SGB XII. Danach ist das gesam­te ver­wert­ba­re Ver­mö­gen (§ 90 Abs. 1 SGB XII) mit Aus­nah­me des in § 90 Abs. 2 SGB XII im Ein­zel­nen auf­ge­führ­ten Schon­ver­mö­gens ein­zu­set­zen, soweit dies kei­ne Här­te bedeu­tet (§ 90 Abs. 3 SGB XII).

Bei der Ermitt­lung des danach ver­wert­ba­ren Ver­mö­gens kommt es, ent­spre­chend dem Zweck der sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Leis­tun­gen einer tat­säch­li­chen Not­la­ge abzu­hel­fen bzw. einen tat­säch­li­chen Bedarf abzu­de­cken, auf die tat­säch­lich vor­han­de­nen und tat­säch­lich ver­wert­ba­ren Ver­mö­gens­wer­te an. Dabei ist grund­sätz­lich nicht zu berück­sich­ti­gen, ob den Ver­mö­gens­wer­ten Schul­den oder Ver­pflich­tun­gen des Hil­fe­be­dürf­ti­gen gegen­über­ste­hen [1].

Bei der dem Betrof­fe­nen zuste­hen­den Lebens­ver­si­che­rung bzw. deren Rück­kaufs­wert han­delt es sich, wie das Beschwer­de­ge­richt zutref­fend ange­nom­men hat, um ver­wert­ba­res Ver­mö­gen im Sin­ne des § 90 Abs. 1 SGB XII [2].

Die­ses Ver­mö­gen war in dem Zeit­raum für den der Betreu­er Ver­gü­tung ver­langt als Aktiv­ver­mö­gen vor­han­den. Allein der Umstand, dass der Land­kreis in der Ver­gan­gen­heit sozia­le Hil­fe­leis­tun­gen erbracht hat, recht­fer­tigt es nicht, die­se Leis­tun­gen ver­mö­gens­min­dernd zu berück­sich­ti­gen. Hier­für bedarf es zumin­dest einer Kon­kre­ti­sie­rung der Rück­for­de­rung durch Leis­tungs­be­scheid oder Über­lei­tungs­an­zei­ge [3].

Hier ist ein Leis­tungs­be­scheid erst am 21.04.2012 und damit nach dem Ende des Zeit­raums, für den der Betreu­er Ver­gü­tung ver­langt, die­sem zuge­gan­gen. Der Betrof­fe­ne ver­füg­te daher wäh­rend des Ver­gü­tungs­zeit­raums noch über ver­wert­ba­res Ver­mö­gen im Sin­ne des § 90 SGB XII. Der Betreu­er kann des­halb für die­sen Zeit­raum eine Ver­gü­tung nach dem Stun­den­an­satz für einen ver­mö­gen­den Betreu­ten (§ 5 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 VBVG) ver­lan­gen.

Der Betreu­er kann die Erstat­tung die­ser Ver­gü­tung aus der Staats­kas­se verlangen.

Ver­gü­tungs­schuld­ner des Berufs­be­treu­ers ist bei Mit­tel­lo­sig­keit des Betreu­ten die Staats­kas­se (§§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 Abs. 1 Satz 3 BGB in Ver­bin­dung mit § 1 Abs. 2 Satz 2 VBVG) und bei vor­han­de­nem ver­wert­ba­ren Ver­mö­gen der Betreu­te (§§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit § 1 Abs. 2 Satz 1 VBVG). Mit der Über­nah­me der Betreu­ungs­kos­ten erbringt die Staats­kas­se eine Sozi­al­leis­tung [4], die gemäß § 1836 c BGB davon abhängt, dass der Betreu­te über kein ein­zu­set­zen­des Ver­mö­gen im Sin­ne des Sozi­al­hil­fe­rechts ver­fügt. Der Betreu­te soll durch die Kos­ten der Betreu­ung nicht in sei­nen vor­han­de­nen Lebens­grund­la­gen wesent­lich beein­träch­tigt wer­den [5]. Des­halb ist für die Fest­stel­lung, ob der Betreu­te mit­tel­los oder ver­mö­gend ist, auf den Zeit­punkt der Ent­schei­dung in der letz­ten Tat­sa­chen­in­stanz abzu­stel­len [6].

In dem Zeit­punkt der Beschwer­de­ent­schei­dung hat­te im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren aber der Land­kreis sei­nen Rück­for­de­rungs­an­spruch durch Erlass eines Leis­tungs­be­scheids vom 20.04.2012 bereits kon­kre­ti­siert. Die Lebens­ver­si­che­rung konn­te des­halb, wovon das Beschwer­de­ge­richt zutref­fend aus­ge­gan­gen ist, im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren nicht mehr als ver­wert­ba­res Ver­mö­gen berück­sich­tigt werden.

Nach § 90 Abs. 2 Ziff. 8 SGB XII gehört zu dem nicht ein­zu­set­zen­den Ver­mö­gen ein ange­mes­se­nes Haus­grund­stück, das von der nach­fra­gen­den Per­son oder einer ande­ren in § 19 Abs. 1 bis 3 SGB XII genann­ten Per­son allein oder zusam­men mit Ange­hö­ri­gen ganz oder teil­wei­se bewohnt wird und nach ihrem Tod von ihren Ange­hö­ri­gen bewohnt wer­den soll. Dabei bestimmt sich die Ange­mes­sen­heit nach der Zahl der Bewoh­ner, dem Wohn­be­darf, der Grund­stücks­grö­ße, der Haus­grund­grö­ße, dem Zuschnitt und der Aus­stat­tung des Wohn­ge­bäu­des sowie dem Wert des Grund­stücks ein­schließ­lich des Wohngebäudes.

Die Aus­le­gung von § 90 Abs. 2 Ziff. 8 Satz 1 SGB XII durch das Beschwer­de­ge­richt dahin, dass ein Betrof­fe­ner, der kei­ne Ange­hö­ri­gen hat, von dem Schutz­be­reich des § 90 Abs. 2 Ziff. 8 SGB XII nicht erfasst wird, steht in Wider­spruch zu Sinn und Zweck der Vor­schrift. Sie ist auch nicht durch den Wort­laut angezeigt.

Die Vor­schrif­ten zum Schon­ver­mö­gen sol­len gewähr­leis­ten, dass die Sozi­al­hil­fe nicht zu einer wesent­li­chen Beein­träch­ti­gung der vor­han­de­nen Lebens­grund­la­gen führt. Dem Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger soll ein gewis­ser Spiel­raum in sei­ner wirt­schaft­li­chen Bewe­gungs­frei­heit erhal­ten blei­ben. Über­dies soll ver­hin­dert wer­den, dass die Sozi­al­hil­fe, die im Ide­al­fall ledig­lich eine vor­über­ge­hen­de Hil­fe ist, zu einem „wirt­schaft­li­chen Aus­ver­kauf“ führt, damit den Wil­len zur Selbst­hil­fe lähmt und zu einer nach­hal­ti­gen sozia­len Her­ab­stu­fung führt [7]. Dar­aus folgt, dass sie in ers­ter Linie dem Schutz des Leis­tungs­be­rech­tig­ten dienen.

§ 90 Abs. 2 Ziff. 8 SGB XII will ein Haus­grund­stück vor einer Ver­wer­tung inso­weit schüt­zen, als es dem Leis­tungs­be­rech­tig­ten oder einer ande­ren Per­son der Ein­satz­ge­mein­schaft (§ 19 Abs. 1 bis 3 SGB XII) oder den mit ihnen dort zusam­men leben­den Ange­hö­ri­gen, die auch nach dem Tod des Leis­tungs­be­rech­tig­ten oder der ande­ren Per­son der Ein­satz­ge­mein­schaft dort woh­nen sol­len, als Wohn­statt dient [8]. Nicht aber soll der Schutz des Haus­grund­stücks davon abhän­gig gemacht wer­den, dass der Leis­tungs­be­rech­tig­te Ange­hö­ri­ge hat, die nach sei­nem Tod dort leben sol­len. Der Zusatz „und nach ihrem Tod von ihren Ange­hö­ri­gen bewohnt wer­den soll“ bezieht sich viel­mehr nach Sinn und Wort­laut auf die Ange­hö­ri­gen, die mit dem Leis­tungs­be­rech­tig­ten oder der ande­ren Per­son der Ein­satz­ge­mein­schaft in dem Haus woh­nen. Die­se Ange­hö­ri­gen gehö­ren dann, wenn sie nach dem Tod der genann­ten Per­so­nen in dem Haus woh­nen sol­len, eben­falls zu dem durch § 90 Abs. 2 Ziff. 8 SGB XII geschütz­ten Personenkreis.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Febru­ar 2013 – XII ZB 582/​12

  1. BVerwG Beschluss vom 21.04.1988 – 5 B 2/​88[]
  2. vgl. BVerwG NJW 1998, 1879, 1880; und NJW 2004, 3647 f.; und BGH, Beschluss vom 09.06.2010 – XII ZB 120/​08, FamRZ 2010, 1643 Rn. 10 ff.[]
  3. Bay­O­bLG BtPrax 2002, 262; LG Koblenz FamRZ 2004, 1899, 1900; aA OLG Zwei­brü­cken BtPrax 1999, 32[]
  4. BT-Drucks. 13/​7158 S. 17[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 09.01.2013 – XII ZB 478/​11; und vom 25.01.2012 – XII ZB 461/​11, FamRZ 2012, 627 Rn. 17[]
  6. Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 6. Aufl. § 1836 d Rn. 12 mwN[]
  7. BVerw­GE 23, 149, 159[]
  8. vgl. Hohm in Schellhorn/​Jirasek/​Seipp SGB XII-Sozi­al­hil­fe 18. Aufl. § 90 SGB XII Rn. 82; Wah­ren­dorf in Grube/​Wahrendorf SGB XII 3. Aufl. § 90 Rn. 47; Mergler/​Zink SGB XII Stand Janu­ar 2005 § 90 Rn. 51 f. mwN[]