Das Behin­der­ten­tes­ta­ment und der Ver­gü­tungs­an­spruch des Betreuers

Die durch ein Behin­der­ten­tes­ta­ment auf den Betrof­fe­nen über­tra­ge­ne (Vor-)Erbschaft führt auch bei gleich­zei­ti­ger Anord­nung der Tes­ta­ments­voll­stre­ckung nicht zwin­gend zur Mit­tel­lo­sig­keit des Betrof­fe­nen. Viel­mehr ist durch Aus­le­gung der an den Tes­ta­ments­voll­stre­cker adres­sier­ten Ver­wal­tungs­an­ord­nun­gen zu ermit­teln, ob der Erb­las­ser auch Ver­gü­tungs­an­sprü­che des Betreu­ers aus­schlie­ßen wollte.

Das Behin­der­ten­tes­ta­ment und der Ver­gü­tungs­an­spruch des Betreuers

Mit die­ser Begrün­dung bejah­te jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem vom ihm zu ent­schei­den­den Fall, dass die Vor­aus­set­zun­gen für eine Fest­set­zung der vom Betreu­er gel­tend gemach­ten Kos­ten gegen die Betrof­fe­ne nach §§ 292, 168 FamFG vor­lie­gen, weil die­se nicht mit­tel­los i.S.d. § 1836 c BGB ist. 

Aller­dings han­delt es sich begriff­lich nicht um eine Ver­gü­tung i.S.d. § 1908 i Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 1836 BGB und dem Gesetz über die Ver­gü­tung von Vor­mün­dern und Betreu­ern (VBVG), son­dern um Auf­wen­dungs­er­satz i.S.d. § 1908 i Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 1835 Abs. 3 BGB [1].

Nach § 292 Abs. 1 i.V.m. § 168 Abs. 1 Satz 2 FamFG bestimmt das Gericht mit der Fest­set­zung Höhe und Zeit­punkt der Zah­lun­gen, die der Betrof­fe­ne nach § 1836 c BGB zu leis­ten hat, wenn und soweit er gemäß § 1908 i Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 1836 c Nr. 2 BGB sein Ver­mö­gen nach Maß­ga­be des § 90 SGB XII ein­zu­set­zen hat.

Die Höhe des Auf­wen­dungs­er­sat­zes ergibt sich aus § 1835 Abs. 3 BGB. Danach kann der Betreu­er eine Ver­gü­tung nach dem Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz (RVG) bean­spru­chen, soweit er im Rah­men sei­ner Bestel­lung sol­che Tätig­kei­ten zu erbrin­gen hat, für die ein Laie in glei­cher Lage ver­nünf­ti­ger­wei­se einen Rechts­an­walt zuzie­hen wür­de [2].

Aller­dings sind nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum so genann­ten Behin­der­ten­tes­ta­ment Ver­fü­gun­gen von Todes wegen, in denen Eltern eines behin­der­ten Kin­des die Nach­lass­ver­tei­lung durch eine kom­bi­nier­te Anord­nung von Vor- und Nach­erb­schaft sowie einer mit kon­kre­ten Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen ver­se­he­nen Dau­er­tes­ta­ments­voll­stre­ckung so gestal­ten, dass das Kind zwar Vor­tei­le aus dem Nach­lass­ver­mö­gen erhält, der Sozi­al­hil­fe­trä­ger auf die­ses jedoch nicht zugrei­fen kann, grund­sätz­lich nicht sit­ten­wid­rig, son­dern viel­mehr Aus­druck der sitt­lich anzu­er­ken­nen­den Sor­ge für das Wohl des Kin­des über den Tod der Eltern hin­aus [3].

Dem­entspre­chend schränkt auch im hier ent­schie­de­nen Fall die hier ange­ord­ne­te Tes­ta­ments­voll­stre­ckung die Ver­fü­gungs­be­fug­nis der Betrof­fe­nen gemäß § 2211 BGB ein; dem­ge­mäß kön­nen sich die Gläu­bi­ger des Erben, die nicht zu den Nach­lass­gläu­bi­gern gehö­ren, nicht an die der Ver­wal­tung des Tes­ta­ments­voll­stre­ckers unter­lie­gen­den Nach­lass­ge­gen­stän­de hal­ten, § 2214 BGB.

Aller­dings hat die Betrof­fe­ne als Erbin einen durch­setz­ba­ren Anspruch dar­auf, dass der Tes­ta­ments­voll­stre­cker die vom Erb­las­ser getrof­fe­nen Ver­wal­tungs­an­ord­nun­gen i.S.d. § 2216 Abs. 2 BGB umsetzt [4]. Die­ser Anspruch, der sich vor­lie­gend auf die Frei­ga­be der zu ent­rich­ten­den Betreu­er­ver­gü­tung rich­tet, gehört zum Ver­mö­gen der Betrof­fe­nen i.S.v. § 90 SGB XII.

Die Aus­le­gung, wonach die im Tes­ta­ment getrof­fe­nen Ver­wal­tungs­an­wei­sun­gen an den Tes­ta­ments­voll­stre­cker einer Ent­nah­me des hier im Streit ste­hen­den Auf­wen­dungs­er­sat­zes für den Betreu­er nicht ent­ge­gen­ste­hen, ist von Rechts wegen nicht zu beanstanden.

Für die Fest­stel­lung des Erb­las­ser­wil­lens gel­ten die all­ge­mei­nen Aus­le­gungs­re­geln der §§ 133, 2084 BGB. Hier­nach ist der wirk­li­che Wil­le des Erb­las­sers zu erfor­schen und nicht an dem buch­stäb­li­chen Sinn des Aus­drucks zu haf­ten. Die­se Auf­ga­be der Aus­le­gung obliegt in ers­ter Linie dem Tatrich­ter. Sei­ne Aus­le­gung kann mit der Revi­si­on bzw. Rechts­be­schwer­de nur ange­grif­fen wer­den, wenn sie gegen gesetz­li­che Aus­le­gungs­re­geln, all­ge­mei­ne Denk- und Erfah­rungs­grund­sät­ze oder Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­stößt [5].

Hier­nach beacht­li­che Aus­le­gungs­feh­ler las­sen sich für den Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall nicht fest­stel­len: Das Beschwer­de­ge­richt hat maß­geb­lich auf den Wunsch der Erb­las­se­rin abge­stellt, wonach die Betrof­fe­ne in ers­ter Linie ihr Leben wie bis­her habe wei­ter­füh­ren sol­len. Dabei ist es von der Prä­mis­se aus­ge­gan­gen, dass die Bestel­lung des (Ergänzungs-)Betreuers gera­de dem Ziel gedient habe, der Betrof­fe­nen eine ange­mes­se­ne Lebens­grund­la­ge nach dem Tode der Erb­las­se­rin zu ver­schaf­fen und ihr die Fort­set­zung ihres bis­he­ri­gen Lebens zu ermög­li­chen. Wie der Betreu­er zutref­fend aus­führt, war sei­ne Bestel­lung wegen der bestehen­den Erbaus­ein­an­der­set­zun­gen die Vor­be­din­gung dafür, dass die Betrof­fe­ne über­haupt in den Genuss der diver­sen Ver­güns­ti­gun­gen kom­men konn­te. Wenn das Beschwer­de­ge­richt den Erb­las­ser­wil­len in die­sem Kon­text dahin aus­legt, dass die Ver­gü­tung für den Ergän­zungs­be­treu­er aus dem Nach­lass zu bestrei­ten sein sol­le, ist die­se Aus­le­gung jeden­falls ver­tret­bar und von Rechts wegen nicht zu beanstanden.

Schließ­lich geht nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch der Ein­wand ins Lee­re, wonach einer Frei­ga­be des erfor­der­li­chen Betra­ges das Ermes­sen des Tes­ta­ments­voll­stre­ckers entgegenstehe.

Zwar ist dem Tes­ta­ments­voll­stre­cker grund­sätz­lich ein ange­mes­se­ner Ermes­sens­spiel­raum zuzu­bil­li­gen. Die­ser bezieht sich aber in ers­ter Linie auf sei­ne Ver­pflich­tung, den Nach­lass gemäß § 2216 Abs. 1 BGB ord­nungs­ge­mäß zu ver­wal­ten [6]. Vor­lie­gend han­delt es sich indes um die Umset­zung von der Erb­las­se­rin kon­kret getrof­fe­ner Ver­wal­tungs­an­ord­nun­gen. Die­se stel­len für ihn bin­den­de Vor­ga­ben dar, die er zur Durch­füh­rung sei­ner Auf­ga­ben zu befol­gen hat [7].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. März 2013 – XII ZB 679/​11

  1. vgl. zur Begriff­lich­keit Palandt/​Götz BGB 72. Aufl. § 1835 Rn. 2[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.11.2010 – XII ZB 244/​10 FamRZ 2011, 203 Rn. 13 mwN; und zuletzt vom 12.09.2012 – XII ZB 543/​11 FamRZ 2012, 1866 Rn. 9 jeweils zum anwalt­li­chen Ver­fah­rens­pfle­ger[]
  3. BGHZ 188, 96 = FamRZ 2011, 472 Rn. 12 mwN[]
  4. BGH Urteil vom 07.07.1982 – IVa ZR 36/​81 NJW 1983, 40, 41; LG Kre­feld Beschluss vom 14.03.2007 – 6 T 345/​06; NK-BGB/­Weid­lich 3. Aufl. § 2216 Rn. 31[]
  5. BGH Urteil vom 09.03.2011 – IV ZB 16/​10 FamRZ 2011, 1224 Rn. 9 mwN[]
  6. vgl. NK-BGB/­Weid­lich 3. Aufl. § 2216 Rn. 3[]
  7. NK-BGB/­Weid­lich 3. Aufl. § 2216 Rn. 17[]