Betreu­ungs­ver­fah­ren – und die Unter­su­chung durch den Sach­ver­stän­di­gen

Die Sach­ver­stän­di­ge muss in einer Betreu­ungs­sa­che schon vor der Unter­su­chung des Betrof­fe­nen gericht­lich bestellt wor­den sein und dem Betrof­fe­nen den Zweck der Unter­su­chung eröff­nen [1].

Betreu­ungs­ver­fah­ren – und die Unter­su­chung durch den Sach­ver­stän­di­gen

Vor der Bestel­lung eines Betreu­ers hat nach § 280 Abs. 1 Satz 1 FamFG iVm § 30 FamFG eine förm­li­che Beweis­auf­nah­me ent­spre­chend der Zivil­pro­zess­ord­nung durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens über die Not­wen­dig­keit der Maß­nah­me statt­zu­fin­den. Der Sach­ver­stän­di­ge hat den Betrof­fe­nen vor der Erstat­tung des Gut­ach­tens per­sön­lich zu unter­su­chen oder zu befra­gen. Dabei muss er schon vor der Unter­su­chung des Betrof­fe­nen zum Sach­ver­stän­di­gen bestellt wor­den sein und dem Betrof­fe­nen den Zweck der Unter­su­chung eröff­nen [2].

Ein ohne die erfor­der­li­che per­sön­li­che Unter­su­chung erstat­te­tes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ist grund­sätz­lich nicht ver­wert­bar. Die Wei­ge­rung des Betrof­fe­nen, einen Kon­takt mit dem Sach­ver­stän­di­gen zuzu­las­sen, ist kein hin­rei­chen­der Grund, von einer per­sön­li­chen Unter­su­chung durch den Sach­ver­stän­di­gen abzu­se­hen. Wirkt der Betrof­fe­ne an einer Begut­ach­tung nicht mit, kann das Gericht gemäß § 283 Abs. 1 und Abs. 3 FamFG sei­ne Vor­füh­rung anord­nen [3].

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te das Amts­ge­richt Mep­pen [4] hat die Anre­gung des Land­krei­ses E. auf Ein­rich­tung einer Betreu­ung zu Unrecht als Gut­ach­ten iSd § 280 Abs. 1 Satz 1 FamFG behan­delt. Zwar ist das Schrei­ben vom Fach­arzt für Psych­ia­trie H. unter­zeich­net und im Betreff als „Fach­ärzt­li­ches Gut­ach­ten zur Ein­rich­tung einer gesetz­li­chen Betreu­ung“ bezeich­net. Der Sach­ver­stän­di­ge wur­de jedoch zu kei­nem Zeit­punkt als gericht­li­cher Sach­ver­stän­di­ger bestellt. Die Anre­gung erfolg­te viel­mehr aus Eigen­in­itia­ti­ve, nach­dem der Sozi­al­psych­ia­tri­sche Dienst des Land­krei­ses wie­der­holt von Drit­ten (Poli­zei, Nach­barn, Ver­mie­ter) Hin­wei­se auf ein extrem auf­fäl­li­ges Ver­hal­ten des Betrof­fe­nen erhal­ten hat­te.

Im Ansatz zutref­fend hat das Land­ge­richt Osna­brück daher durch Beschluss die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens über die Not­wen­dig­keit der Bestel­lung eines Betreu­ers ange­ord­net. Nach­dem der Betrof­fe­ne trotz wie­der­hol­ter Anschrei­ben an der Begut­ach­tung nicht mit­ge­wirkt hat­te, hat das Land­ge­richt wei­ter zutref­fend die Anord­nung der Vor­füh­rung zur gut­ach­ter­li­chen Unter­su­chung ange­kün­digt. War­um nach einer per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen am 9.01.2017 nicht ent­spre­chend der Ankün­di­gung ver­fah­ren wur­de, ergibt sich weder aus dem Anhö­rungs­pro­to­koll noch aus der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung [5]. Selbst wenn der Betrof­fe­ne eine erneu­te psych­ia­tri­sche Begut­ach­tung ablehnt, kann ohne wei­te­re Ermitt­lun­gen nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die gericht­lich bestell­te Sach­ver­stän­di­ge sich durch einen per­sön­li­chen Ein­druck von dem Betrof­fe­nen im Zusam­men­hang mit den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Unter­la­gen eine aus­rei­chen­de Grund­la­ge ver­schaf­fen kann, um sich ein eigen­stän­di­ges Bild vom Betrof­fe­nen zu machen, wel­ches ihr eine gut­ach­ter­li­che Ein­schät­zung erlaubt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Juli 2017 – XII ZB 88/​17

  1. Fort­füh­rung des BGH, Beschlus­ses vom 08.07.2015 – XII ZB 600/​14 , FamRZ 2015, 1706[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 08.07.2015 – XII ZB 600/​14FamRZ 2015, 1706 Rn. 7[]
  3. BGH, Beschluss vom 27.04.2016 – XII ZB 611/​15 , FamRZ 2016, 1149 Rn. 8 mwN[]
  4. AG Mep­pen, Beschluss vom 26.07.2016 – 4 XVVII S 42/​16[]
  5. LG Osna­brück, Beschluss vom 09.01.2017 – 7 T 496/​16[]