Betreu­ungs­ge­richt­li­che Geneh­mi­gung der Zwangs­me­di­ka­ti­on

Die betreu­ungs­ge­richt­li­che Geneh­mi­gung einer Zwangs­me­di­ka­ti­on ist der­zeit man­gels einer wirk­sa­men gesetz­li­chen Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge nicht mög­lich.

Betreu­ungs­ge­richt­li­che Geneh­mi­gung der Zwangs­me­di­ka­ti­on

Die Zwangs­be­hand­lung eines Unter­ge­brach­ten ist, wie jeder ande­re Grund­rechts­ein­griff, nur auf der Grund­la­ge eines Geset­zes zuläs­sig, das die Vor­aus­set­zun­gen für die Zuläs­sig­keit des Ein­griffs bestimmt. Dies gilt nicht nur für die mate­ri­el­len, son­dern auch für die for­mel­len Ein­griffs­vor­aus­set­zun­gen [1]. Das Betreu­ungs­recht ent­hält in §§ 1904 ff BGB kei­ne Rege­lun­gen bzgl. der mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen der Durch­füh­rung einer Zwangs­be­hand­lung. Auch das Ver­fah­rens­recht des FamFG ent­hält kei­ner­lei Vor­schrif­ten über die for­mel­len Ein­griffs­vor­aus­set­zun­gen. Damit fehlt dem Betreu­ungs­ge­richt jeg­li­che Befug­nis zur Geneh­mi­gung einer Zwangs­be­hand­lungs­maß­nah­me.

Nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts stellt die medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung einen Ein­griff dar, der nicht nur die kör­per­li­che Inte­gri­tät der Betrof­fe­nen als sol­che, son­dern in beson­ders inten­si­ver Wei­se auch das geschütz­te Recht auf Selbst­be­stim­mung berührt. Die Gabe von Neu­ro­lep­ti­ka gegen den natür­li­chen Wil­len der Betrof­fe­nen stellt einen beson­ders schwe­ren Grund­rechts­ein­griff dar.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt weist in der oben genann­ten Ent­schei­dung aus­drück­lich dar­auf hin, dass auch die Ein­wil­li­gung des für einen ein­sichts- und ein­wil­li­gungs­un­fä­hi­gen Unter­ge­brach­ten bestell­ten Betreu­ers der Maß­nah­me nicht den Ein­griffs­cha­rak­ter nimmt, der dar­in liegt, dass sie gegen den natür­li­chen Wil­len der Betrof­fe­nen erfolgt.

Im vor­lie­gend vom Amts­ge­richt Lud­wigs­burg ent­schie­de­nen FAll ver­wei­gert die Betrof­fe­ne seit ihrer Auf­nah­me in die psych­ia­tri­sche Abtei­lung des Kli­ni­kums L. jeg­li­che Medi­ka­men­ten­ein­nah­me. Zwar ist die Betrof­fe­ne krank­heits­be­dingt nicht ein­sichts­fä­hig und ihre Wei­ge­rung, die Medi­ka­men­te ein­zu­neh­men, ist daher nicht das Ergeb­nis einer frei­en Wil­lens­bil­dung.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt weist jedoch aus­drück­lich dar­auf hin, dass die Gabe von Neu­ro­lep­ti­ka gegen den natür­li­chen Wil­len des Pati­en­ten einen beson­ders schwe­ren Grund­rechts­ein­griff dar­stellt, unab­hän­gig davon, ob die Betrof­fe­ne ein­wil­li­gungs­fä­hig ist. Sobald fest­steht, dass sie sich mit natür­li­chem Wil­len gegen die Gabe von Neu­ro­lep­ti­ka wen­det, stellt die Medi­ka­men­ten­ab­ga­be gegen ihren Wil­len einen beson­ders schwe­ren Grund­rechts­ein­griff dar.

Wie aus­ge­führt, kann die­ser Grund­rechts­ein­griff nur dann erfol­gen, wenn zuvor vom Gesetz­ge­ber die for­mel­len und mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen in einer kla­ren und bestimm­ten gesetz­li­chen Rege­lung nie­der­ge­legt wur­den. Dar­an fehlt es im Bereich des Betreu­ungs­rechts, so dass das Betreu­ungs­ge­richt die beab­sich­tig­te Zwangs­me­di­ka­ti­on nicht geneh­mi­gen konn­te.

Dabei über­sieht das Gericht nicht die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 1. Febru­ar 2006 [2]. Dort hat­te der Bun­des­ge­richts­hof zwar, in Anleh­nung an die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, die „Frei­heit zur Krank­heit“ betont, jedoch aus­ge­führt, dass nach dem Betreu­ungs­recht Zwangs­be­hand­lun­gen nicht grund­sätz­lich ver­bo­ten sei­en. § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB ermög­li­che die Zwangs­be­hand­lung ein­wil­li­gungs­un­fä­hi­ger Betrof­fe­ner gegen deren natür­li­chen Wil­len wäh­rend der sta­tio­nä­ren Unter­brin­gung. Wei­ter ist der Bun­des­ge­richts­hof der Auf­fas­sung gewe­sen, dass dem Betreu­ungs­recht damit eine gene­rel­le Rechts­grund­la­ge dafür zu ent­neh­men sei, dass der Betreu­er auch gegen den natür­li­chen Wil­len des Betreu­ten in eine medi­zi­ni­sche Maß­nah­me ein­wil­li­gen kön­ne. § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB kön­ne sinn­voll nur dahin aus­ge­legt wer­den, dass der Betreu­te die not­wen­di­gen medi­zi­ni­schen Maß­nah­men, in die der Betreu­er zu sei­nem Wohl ein­ge­wil­ligt habe und derent­we­gen der Betreu­te unter­ge­bracht wer­den durf­te, unab­hän­gig von sei­nem mög­li­cher­wei­se ent­ge­gen­ste­hen­den natür­li­chen Wil­len wäh­rend der Unter­brin­gung zu dul­den habe. Auf­grund die­ser Ent­schei­dung hat­te das Betreu­ungs­ge­richt die Geneh­mi­gung zur Zwangs­me­di­ka­ti­on am 14. Janu­ar 2011 erteilt.

Die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs war vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in dem oben zitier­ten Beschluss vom 23.03.2011 berück­sich­tigt wor­den. Nach Auf­fas­sung des Betreu­ungs­ge­richts kann der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nach der nun­mehr vor­lie­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht mehr gefolgt wer­den.

Da es bei der Zwangs­me­di­ka­ti­on um einen schwer­wie­gen­den Grund­rechts­ein­griff geht, kann die Mög­lich­keit der Zwangs­me­di­ka­ti­on nicht im Wege der ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB ent­nom­men wer­den, son­dern es bedarf einer kla­ren und bestimm­ten gesetz­li­chen Reg­lung, in der die mate­ri­el­len und for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen der Zwangs­be­hand­lung vom Gesetz­ge­ber bestimmt wer­den.

Da es dar­an man­gelt, war der Antrag auf betreu­ungs­ge­richt­li­che Geneh­mi­gung der Zwangs­me­di­ka­ti­on zurück­zu­wei­sen.

Amts­ge­richt Lud­wigs­burg, Beschluss vom 18. Mai 2011 – 8 XVII 257/​2011

  1. BVerfG vom 23.03.2011 – 2 BVR 882/​09[]
  2. BGH, NJW 2006, 1277 ff.[]