Betreu­ung auf­grund einer Verdachtsdiagnose

Das Betreu­ungs­ge­richt hat von Amts wegen alle zur Fest­stel­lung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen durch­zu­füh­ren [1]. Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Betreu­ung nach § 1896 BGB kön­nen nicht auf­grund einer blo­ßen Ver­dachts­dia­gno­se des Sach­ver­stän­di­gen fest­ge­stellt werden.

Betreu­ung auf­grund einer Verdachtsdiagnose

Gemäß § 26 FamFG hat das Gericht von Amts wegen alle zur Fest­stel­lung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen durch­zu­füh­ren. Über Art und Umfang die­ser Ermitt­lun­gen ent­schei­det zwar grund­sätz­lich der Tatrich­ter nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen. Das Rechts­be­schwer­de­ge­richt hat jedoch unter ande­rem nach­zu­prü­fen, ob das Beschwer­de­ge­richt die Gren­zen sei­nes Ermes­sens ein­ge­hal­ten hat, fer­ner, ob es von unge­nü­gen­den Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen aus­ge­gan­gen ist [2].

Zu den für die Bestel­lung eines Betreu­ers erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen gehört nach § 280 FamFG die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens. Die­sem Gut­ach­ten muss wie­der­um mit hin­rei­chen­der Sicher­heit zu ent­neh­men sein, dass die Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung einer Betreu­ung nach § 1896 BGB vor­lie­gen; eine Ver­dachts­dia­gno­se genügt nicht [3]. Im Übri­gen muss sich der Tatrich­ter davon über­zeu­gen, dass der Sach­ver­stän­di­ge im Rah­men sei­ner Begut­ach­tung von einer zutref­fen­den Tat­sa­chen­grund­la­ge aus­ge­gan­gen ist.

Nach § 1896 Abs. 1 a BGB darf ein Betreu­er gegen den frei­en Wil­len des Voll­jäh­ri­gen nicht bestellt werden.

Wenn der Betrof­fe­ne – wie hier – der Ein­rich­tung einer Betreu­ung nicht zustimmt, ist neben der Not­wen­dig­keit einer Betreu­ung stets zu prü­fen, ob die Ableh­nung durch den Betrof­fe­nen auf einem frei­en Wil­len beruht. Das sach­ver­stän­dig bera­te­ne Gericht hat daher fest­zu­stel­len, ob der Betrof­fe­ne trotz sei­ner Erkran­kung noch zu einer frei­en Wil­lens­be­stim­mung fähig ist [4].

Dabei ist der Begriff der frei­en Wil­lens­be­stim­mung im Sin­ne des § 1896 Abs. 1 a BGB und des § 104 Nr. 2 BGB im Kern deckungs­gleich. Die bei­den ent­schei­den­den Kri­te­ri­en sind die Ein­sichts­fä­hig­keit des Betrof­fe­nen und des­sen Fähig­keit, nach die­ser Ein­sicht zu han­deln. Fehlt es an einem die­ser bei­den Ele­men­te, liegt kein frei­er, son­dern nur ein natür­li­cher Wil­le vor [5].

Soweit das Land­ge­richt die Fest­stel­lung der Unein­sich­tig­keit der Betrof­fe­nen auf ihre Anhö­rung bzw. Beschwer­de­schrift grün­det, ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof dem nicht zu fol­gen. In ihrer Anhö­rung hat die Betrof­fe­ne unter ande­rem aus­ge­führt, sie wür­de ihre Sachen selbst regeln. In ihrer Beschwer­de­schrift hat sie wei­ter aus­ge­führt, ihre geis­ti­gen Fähig­kei­ten sei­en in kei­ner Wei­se ver­min­dert und sie sei durch­aus in der Lage, ihre Ange­le­gen­hei­ten voll und ganz eigen­stän­dig zu erle­di­gen. Mit die­sen Äuße­run­gen hat die Betrof­fe­ne ihr Recht wahr­ge­nom­men, sich gegen eine – aus ihrer Sicht unnö­ti­ge – Betreu­ung zu weh­ren. Dar­aus auf Unein­sich­tig­keit zu schlie­ßen, erscheint nicht gerechtfertigt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Mai 2012 – XII ZB 584/​11

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 15.12.2010 – XII ZB 165/​10, FamRZ 2011, 285 Rn. 13[]
  2. BGH, Beschluss vom 15.12.2010 – XII ZB 165/​10, FamRZ 2011, 285 Rn. 13[]
  3. OLG Köln Beschluss vom 05.08.2009 – 16 Wx 84/​09, Leit­satz ver­öf­fent­licht in FamRZ 2009, 2116; Palandt/​Diederichsen BGB 71. Aufl. § 1896 Rn. 5; Keidel/​Budde FamFG 17. Aufl. § 280 Rn. 27[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 14.03.2012 – XII ZB 502/​11; und vom 09.02.2011 – XII ZB 526/​10, FamRZ 2011, 630 Rn. 3 ff.[]
  5. BGH, Beschluss vom 14.03.2012 – XII ZB 502/​11[]