Betreu­er­ver­gü­tung und Betreu­ungs­dau­er

Die für die Ver­gü­tung eines Berufs­be­treu­ers nach § 5 VBVG maß­ge­ben­de Dau­er der Betreu­ung rich­tet sich auch bei einem Betreu­erwech­sel nach dem Beginn der ers­ten ange­ord­ne­ten Betreu­ung. Das gilt auch für den Wech­sel von einem ehren­amt­li­chen Betreu­er zu einem Berufs­be­treu­er. Die Erwei­te­rung des Auf­ga­ben­krei­ses des neu­en Betreu­ers führt eben­so wenig wie die Nicht­aus­übung der Betreu­er­tä­tig­keit durch den frü­he­ren Betreu­er zu einer Aus­nah­me von die­ser Berech­nung der Dau­er der Betreu­ung.

Betreu­er­ver­gü­tung und Betreu­ungs­dau­er

Nach § 5 VBVG ist der dem Betreu­er zu ver­gü­ten­de Zeit­auf­wand abhän­gig von der Dau­er der Betreu­ung und dem Auf­ent­halts­ort des Betreu­ten sowie davon, ob der Betreu­te bemit­telt oder mit­tel­los ist. Für einen bemit­tel­ten Betreu­ten, der sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in einem Heim hat, wird der zu ver­gü­ten­de Zeit­auf­wand in den ers­ten drei Mona­ten der Betreu­ung mit fünf­ein­halb, im vier­ten bis sechs­ten Monat mit vier­ein­halb, im sieb­ten bis zwölf­ten Monat mit vier und danach mit zwei­ein­halb Stun­den im Monat in Ansatz gebracht (§ 5 Abs. 1 Satz 1 VBVG).

Dabei ist in Über­ein­stim­mung mit der über­wie­gen­den Ansicht in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur davon aus­zu­ge­hen, dass die Berech­nung der Dau­er der Betreu­ung nach § 5 VBVG mit der Anord­nung der Erst­be­treu­ung beginnt und bei einem sich dar­an anschlie­ßen­den Betreu­erwech­sel – auch von einem ehren­amt­li­chen zu einem Berufs­be­treu­er – nicht neu beginnt, son­dern wei­ter läuft [1]. Die­se Aus­le­gung ergibt sich aus dem Wort­laut, der Ent­ste­hungs­ge­schich­te und dem Zweck des § 5 VBVG.

Der Geset­zes­wort­laut, der auf die „ers­ten drei Mona­te der Betreu­ung“ abstellt, spricht dafür, dass auf den Lauf der Betreu­ung als sol­cher abzu­stel­len ist und nicht auf den Beginn der Betreu­ung durch den die Ver­gü­tung ver­lan­gen­den Betreu­er. Für ein sol­ches Ver­ständ­nis spricht auch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und der Zweck des § 5 VBVG.

Mit der Ein­füh­rung der Pau­scha­lie­rung der Ver­gü­tung der Berufs­be­treu­er durch das zwei­te Betreu­ungs­rechts­än­de­rungs­ge­setz [2] woll­te der Gesetz­ge­ber ein Abrech­nungs­sys­tem schaf­fen, das ein­fach, Streit ver­mei­dend, an der Rea­li­tät ori­en­tiert und für die Berufs­be­treue­rin­nen und betreu­er aus­kömm­lich ist [3].

Grund­la­ge der zu bewil­li­gen­den Ver­gü­tung ist nicht mehr der dem Betreu­er im Ein­zel­fall tat­säch­lich ent­stan­de­ne von ihm kon­kret dar­zu­le­gen­de Zeit­auf­wand, son­dern ein pau­scha­ler von dem tat­säch­li­chen Zeit­auf­wand unab­hän­gi­ger Stun­den­an­satz, des­sen Umfang nur von der Betreu­ungs­dau­er, dem Auf­ent­halts­ort des Betreu­ten und davon abhängt, ob der Betreu­te bemit­telt oder nicht bemit­telt ist. Die Bil­dung der Fall­grup­pen und Fest­le­gung der Stun­den­an­sät­ze für die Fall­grup­pen beru­hen auf Durch­schnitts­wer­ten, die unter Zugrun­de­le­gung der Ergeb­nis­se einer recht­stat­säch­li­chen Stu­die ermit­telt wor­den sind, die das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz dem Insti­tut für Sozi­al­for­schung und Gesell­schafts­po­li­tik (ISG) in Auf­trag gege­ben hat.

Um den mit der Pau­scha­lie­rung ver­folg­ten Zweck der Ver­ein­fa­chung und Streit­ver­mei­dung nicht zu ver­ei­teln, hat der Gesetz­ge­ber die Aus­nah­men von dem Pau­scha­lie­rungs­sys­tem soweit wie mög­lich begrenzt [4]. § 6 VBVG regelt eine Abwei­chung vom Pau­scha­lie­rungs­sys­tem für bestimm­te Son­der­fäl­le der Betreu­ung. Dar­über hin­aus sieht § 5 Abs. 5 VBVG für den Wech­sel vom Berufs­be­treu­er zum ehren­amt­li­chen Betreu­er abwei­chend von § 5 Abs. 4 VBVG kei­ne tag­ge­naue Ver­gü­tung, son­dern für den Berufs­be­treu­er eine Ver­gü­tung für den gesam­ten Monat, in den der Wech­sel fällt und für den Fol­ge­mo­nat vor. Damit soll der Wech­sel vom Berufs­be­treu­er zum ehren­amt­li­chen Betreu­er geför­dert wer­den.

Für den Wech­sel vom ehren­amt­li­chen Betreu­er zum Berufs­be­treu­er und unter Berufs­be­treu­ern sieht das Gesetz kei­ne Aus­nah­me von dem Pau­scha­lie­rungs­sys­tem vor. Dies wird in dem Geset­zes­ent­wurf damit begrün­det, dass der mit einem Betreu­erwech­sel regel­mä­ßig ein­her­ge­hen­de Mehr­be­darf und die Fäl­le beson­de­rer Betreu­ungs­si­tua­tio­nen in den vom ISG im Rah­men der Stu­die erho­be­nen Zah­len ent­hal­ten und somit in die gebil­de­ten Pau­scha­len bereits ein­ge­flos­sen sind [4].

Für die Berech­nung der Pau­scha­len nach § 5 VBVG ist daher auch bei einem Betreu­erwech­sel die erst­ma­li­ge Bestel­lung eines Betreu­ers maß­ge­bend. Dies gilt auch bei einem Wech­sel von einem ehren­amt­li­chen Betreu­er zu einem Berufs­be­treu­er. Denn inso­weit ist – eben­so wie bei der erst­ma­li­gen Betreu­ung durch einen Berufs­be­treu­er – von dem aus der Stu­die des ISG gewon­ne­nen Erfah­rungs­wert aus­zu­ge­hen, dass der Betreu­ungs­auf­wand mit der Dau­er der Betreu­ung abnimmt [5].

Soweit ver­tre­ten wird, bei einem Wech­sel von einem ehren­amt­li­chen Betreu­er zu einem Berufs­be­treu­er kön­ne die Dau­er einer ehren­amt­li­chen Betreu­ung nicht anrech­nungs­fä­hig sein, weil das Gesetz über die Ver­gü­tung von Vor­mün­dern und Betreu­ern (VBVG) nur für Berufs­be­treu­er gel­te [6], steht die­ser Ein­wand der Anrech­nung nicht ent­ge­gen. Ver­gü­tungs­an­sprü­che ent­ste­hen aus­schließ­lich für berufs­mä­ßig geführ­te Betreu­un­gen, wäh­rend ehren­amt­li­che Betreu­un­gen stets unent­gelt­lich erfol­gen (§§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 Abs. 1 Satz 1 BGB). Dar­aus folgt jedoch nicht, dass für die Bemes­sung der Ver­gü­tung der Berufs­be­treu­er allein die Zeit­räu­me der Berufs­be­treu­ung zugrun­de zu legen sind [7].

Die Erwei­te­rung der Auf­ga­ben­krei­se des Betreu­ers um die Gel­tend­ma­chung von Ersatz­an­sprü­chen gegen die bis­he­ri­gen Betreu­er und die Prü­fung einer Antrag­stel­lung nach § 247 StGB sowie eines Vor­ge­hens nach §§ 246, 266 StGB läßt kei­ne Aus­nah­me von der für die Berech­nung der Ver­gü­tung nach § 5 VBVG maß­geb­li­chen Dau­er der Betreu­ung zu [8].

Zwar kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Arbeits­auf­wand des Betreu­ers durch die Erwei­te­rung der Auf­ga­ben­krei­se grö­ßer gewor­den ist. Der Zweck der Ver­gü­tungs­pau­scha­lie­rung liegt jedoch dar­in, kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen auf­wän­di­gen und weni­ger auf­wän­di­gen Betreu­un­gen zuzu­las­sen. Des­halb ist das Pau­scha­lie­rungs­sys­tem von Anzahl und Umfang der Auf­ga­ben­krei­se unab­hän­gig. Der durch eine auf­wän­di­ge Betreu­ung ent­stan­de­ne Mehr­auf­wand ist in die Bemes­sung der pau­scha­len Stun­den­an­sät­ze ein­ge­flos­sen [9].

Den im Ein­zel­fall nicht ver­gü­te­ten Zeit­auf­wand kann der Berufs­be­treu­er auf­grund der der Pau­schal­ver­gü­tung zugrun­de­lie­gen­den Misch­kal­ku­la­ti­on durch die wei­te­ren von ihm über­nom­me­nen Betreu­un­gen kom­pen­sie­ren. Denn die Misch­kal­ku­la­ti­on führt dazu, dass der pau­scha­le Stun­den­an­satz im Ein­zel­fall gerin­ger aber auch höher als der tat­säch­lich ange­fal­le­ne Zeit­auf­wand sein kann.

Auch führt eine durch Untä­tig­keit des frü­he­ren Betreu­ers ein­ge­tre­te­ne fak­ti­sche Unter­bre­chung der Betreu­ung nicht zu einer Neu­be­rech­nung der Betreu­ungs­dau­er bei der Ver­gü­tung des nach­fol­gen­den Betreu­ers. Das Pau­scha­lie­rungs­sys­tem kom­pen­siert den gerin­ge­ren oder höhe­ren Zeit­auf­wand durch die Misch­kal­ku­la­ti­on und schließt Ein­zel­fall­be­trach­tun­gen aus.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Mai 2012 – XII ZB 481/​11

  1. OLG Saar­brü­cken OLGR 2007, 904; OLG Köln, Beschluss vom 14.06.2006 – 16 Wx 109/​06; OLG Mün­chen FamRZ 2006, 647; OLG Karls­ru­he OLGR 2007, 169; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 30.11.2006 – 8 W 406/​06; OLG Hamm OLGR 2006, 686; OLG Schles­wig FamRZ 2006, 649; Münch­Komm-BGB/­Frösch­le 6. Aufl. § 5 VBVG Rn. 7 f.; Damrau/​Zimmermann Betreu­ungs­recht 4. Aufl. § 5 VBVG Rn. 11 f.; Knit­tel Betreu­ungs­recht Stand 1.06.2010 § 5 VBVG Rn. 27 mwN; aA Dei­nert Jur­Bü­ro 2005, 285, 286[]
  2. vom 21.04.2005, BGBl. I S. 1073[]
  3. BT-Drucks. 15/​2494 S.20, 31[]
  4. vgl. BT-Drucks. 15/​2494 S. 34[][]
  5. OLG Mün­chen FamRZ 2006, 647,648; OLG Hamm OLGR 2006, 686,687; vgl. auch BT-Drucks. 15/​2494 S. 34[]
  6. Dei­nert Jur­Bü­ro 2005, 285, 286[]
  7. OLG Schles­wig FamRZ 2006, 649, 650[]
  8. aA OLG Zwei­brü­cken FamRZ 2006, 1060[]
  9. BT-Drucks. 15/​2494 S. 34[]